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8 CHRONIK
„Besucht den Kaiser-Wilhelm-Kanal, die Eider, den Westensee und Umgebung“
Ein Faltblatt von Anfang der 1930er-Jahre warb mit dieser Durch eine der damals immer beliebter werdenden Ansichts-
Überschrift für Ausflüge in die reizvolle Region um den karten in unserem Archiv mit dem Titel „Gruss aus Flemhu-
Westensee. Für die vom Schmelzwasser der letzten Eiszeit de“, geschrieben am Sonntag, 26. März 1905, kann eine Tour
geformte Endmoränenlandschaft mit Hügeln, Seen, Wäl- in die Westensee-Region nachvollzogen werden. Startpunkt
dern, Wiesen und Mooren wurde sogar mit dem gewichtigen der Tageswanderung war Voorde bei Flintbek an der Eisen-
Namen „Eiderschweiz“ wirkungsvoll Reklame gemacht. Da- bahnstrecke Kiel - Altona von 1844. Von dort ging es zu Fuß
rauf reagierten vor allem Städter, denn Sonntagsausfl üge in nach Groß Flintbek, dann über Blumenthal zum Großen und
die Natur waren in der ländlichen Bevölkerung früher nicht Kleinen Schierensee, weiter nach Westensee, Achterwehr,
üblich. Werbung für Ausflüge in diese Gegend war besonders Flemhude. Nach einem Abstecher zum Kaiser-Wilhelm-Ka-
durch den Bau der Eisenbahnverbindung Kiel – Osterrönn- nal ging es von Flemhude per Bahn zurück nach Kiel“. Dabei
feld (Rendsburg), eröffnet am 15. Oktober 1904, mit Bahn- wurde in Flemhude sicher die Brücke über den Ringkanal als
höfen u.a. in Flemhude und Brandsbek attraktiv geworden. direkte Verbindung in das Dorf genutzt werden.
Diese beiden Bahnhöfe wurden bis 1984 angefahren, unter Die lange Wanderstrecke von Voorde nach Flemhude (über
dem Namen Felde wurde der Bahnhof Brandsbek 2000 re- 30 km) passte in die damalige Zeit mit der aufkommenden
aktiviert. Bewegung „Wandervogel“ bzw. der Jugendbewegung. Als
Gegenpol zur Industrialisierung und Verstädterung suchte
die junge Generation das Gemeinschafts- und Naturerlebnis.
Dazu gehört auch die Gründung der ersten Jugendherberge
1912 auf der Burg Altena im Sauerland. Zeitgleich wurde
auf der Halbinsel Börner am Westensee, unterstützt von dem
Gutsherrn Paul von Hedemann-Heespen auf Deutsch-Nien-
hof, für die Kieler Wandervögel das Blockhaus „Hohburg“
errichtet. Zugleich nahm die Zahl gedruckter Wanderführer
zu, die Touren auch am Westensee beschrieben. Weit verbrei-
tet war z.B. der „Wegweiser und Führer durch die nähere und
weitere Umgebung der Stadt Kiel“, in mehreren Aufl agen
herausgegeben von den Kieler Neuesten Nachrichten mit
Vorschlägen für Touren - einige auch für Radfahrer - u.a. im
Bereich Kaiser-Wilhelm-Kanal und Eider.
Ein Beispiel dafür ist auch die 1921 beim Verlag Walter G.
Mühlau erschienene Broschüre „Kiel als Universitätsstadt“.
Darin werden für die neu in der Universität aufgenommenen
„Musensöhne“ nicht nur die Stadt mit ihrer Geschichte be-
schrieben und die einzelnen Universitätsinstitute vorgestellt,
sondern ein Kapitel ist mit „Wanderfahrten im Lande“ be-
titelt und hebt die landschaftliche Schönheit auch des öst-
lichen Hügellandes bzw. der Seenlandschaft südlich Kiels
Hervor (s. 50ff.) Auch der Westensee ist erwähnt, einschließ-
lich des Hinweises auf die „Dorfschenke“ in Achterwehr, wo
man sich bei einer Wanderung niederlassen kann. Wer das
1. Kartenskizze aus dem Faltblatt
tut, „dem ist beim Spezialgericht der fetten Aale wohl zu-
mute“ (S.57).
Aber es besuchten keineswegs nur Wanderbegeisterte die
„Schweiz“ am Westensee. Beliebt waren Ausfl üge dorthin
auch bei Gruppen, z.B. um zu kegeln. In einem Fotoalbum
mit Bildern von Donnerstag, 18. Mai 1905, das dem Verein
„KulturGut“ als Datei von Familie Hübener-Schmidt/Heinze
zur Verfügung gestellt wurde, ist einer dieser Kegelausfl üge
dokumentiert. Die Rückfahrt nach Achterwehr erfolgte von
Westensee aus mit der Motorbootlinie Achterwehr - Brands-
bek - Westensee, deren Schiffsanleger sich neben dem Gast-
hof Carl Beckmann befand. Mit „Volldampf voraus“ ging es
damals gut behütet (!) zurück nach Achterwehr zum Anleger
an der Eiderbrücke bei E. Beckmann’s Gasthof.
Dieser Gasthof in Achterwehr machte in dem oben erwähn-
ten Faltblatt unübersehbar Reklame als „Abgangsort der Mo-
torbootfahrten nach dem Westensee“. Zugleich aber war dort
auch der „Endpunkt der Dampfschiffslinie von Kiel“. Durch
2. Ansichtskarte von 1905 den Bau der Schleuse in Strohbrück, eröffnet 1914, und dem

