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Quarnbek_36  12.08.13  09:51  Seite 9





              CHRONIK                                                                                             9


              Viel Freude an der wirtschaftlichen Freiheit hat er aber nicht  zunächst in Heidholm bei Melsdorf unter. Die Miete dort
              gehabt, denn der Erfolg blieb aus. Bereits Martini 1798 und  wurde wiederum von der Gutskasse übernommen. 1810 sind
              erneut am Maitag 1799 musste er die Pacht von jeweils 53  Mutter und unmündige Kinder wieder in Rajensdorf ver-
              Reichstalern und 19 Schillingen schuldig bleiben. Zehn Jah-  zeichnet, für eine Tochter wird das Kostgeld nach Stampe ge-
              re später spitzte sich die Lage immer weiter zu. Nachdem zu-  zahlt. Claus Brocks selbst kam nach seiner Entlassung aus
              nächst in den Gutsrechnungen immer wieder Versuche zu er-  dem Zuchthaus im Mai 1810 zusammen mit seinem damals
              kennen sind, die Pachtrückstände zu begleichen, hatten sich  siebenjährigen jüngsten Sohn Carl zunächst bei seinem
              die Schulden am Maitag 1808 schließlich auf  862 Reichs -  Schwiegersohn, dem Brandsbeker Schmied Sommer, unter.
              taler und 25 Schillinge summiert. In Relation zum Gesamt-  Beide wurden von der Quarnbeker Armenkasse unterhalten.
              wert der Hufe, der auf der Grundlage einer Taxation von  Elisabeth Brocks ist am 11. August 1816 in Stampe gestor-
              1806 mit 9611 Reichstalern angegeben wurde, scheint die  ben, Claus Brocks mit 84 Jahren am 21. November 1819 in
              Schuld gering. Da den Zeitpächtern aber auch das Inventar  Hollien, einer Kate des Gutes Rathmannsdorf im Kirchspiel
              der Stelle nicht gehörte, stand den Schulden keine Sicherheit  Dänischenhagen. Der „vieljährige Hufner in Rainstorf“  habe
              gegenüber. Vielen anderen Hufnern und Insten, wie die Tage -  sich gewünscht, dass seine „irdischen Gebeine“ in Flemhu-
              löhnerbauern damals genannt wurden, ging es ähnlich. Die  de ihre letzte Ruhe finden möchten, vermerkt Pastor Düncker
              Liste der Schuldner – der „Restanten“ – ist lang. Die Um-  in seiner respektvollen Eintragung im Flemhuder „Todtenre-
              stellung auf eine marktorientierte Wirtschaft fiel vielen of-  gister“.
              fenbar sehr schwer.                                   Sechzehn Jahre später werden im Volkszählungsprotokoll
              Zu einer Katastrophe für die ganze Familie Brocks führte der  von 1835 im Gut Quarnbek noch fünf Kinder der Familie
              Versuch die Situation mit illegalen Mitteln zu entschärfen.  Brocks genannt: vier Söhne, von denen drei als Tagelöhner in
              Anfang 1808 wurde Claus Brocks wegen „Diebsgutshehler-  Stampe oder Strohbrück mit ihren Familien lebten, und der
              ey“ vor dem Quarnbeker Gutsgericht der Prozess gemacht.  oben erwähnte Carl, der als Knecht auf dem Meierhof Met-
              Zwar ist das Protokoll des Gerichtsverfahrens nicht überlie-  tenhof diente. Die  Tochter Elisabeth Cathrina hatte den
              fert, erhalten geblieben ist aber die Quittung des Warleber-    Rajensdorfer Hufenpächter Hans-Jürgen Thode geheiratet.
              ger Holzvogts Johann Hinrich Popp, über vier Reichstaler  Deren Sohn Johann Hinrich Thode – also Claus und Elisa-
              und 8 Schillinge für die Überstellung Claus Brocks am   beth Brocks Enkel – war um 1850 wieder Pächter einer Ra-
              21. Mai 1808 von Rajensdorf in das Zuchthaus Neumünster.  jensdorfer Vollhufe.
              In den Zuchthausakten ist auch das Urteil des Gerichtshalters  Zum Schluss eine Bitte an die Rajensdorfer „Ureinwohner“:
              Christensen, das auf zwei Jahre Haft lautete, nachzulesen.  Es wäre ein schöner Abschluss dieser kleinen Geschichte,
              Die 32 männlichen und 18 weiblichen „Züchtlinge“ wurden  wenn Sie dabei helfen könnten, herauszufinden, bei welcher
              dort in der Zuchthausspinnerei beschäftigt. Der inzwischen  der heutigen Hofstellen es sich um die ehemals Brocksche
              72jährige Claus Brocks habe zunächst daran nicht teilneh-  Hufe handelt. Vielleicht gibt es ja sogar noch ein Foto des al-
              men können, weil kein Spinnrad geliefert worden sei, später  ten Hufengebäudes. Als Anhaltspunkt mag dienen, dass 1864
              ist in den Zuchthausakten vermerkt, er sei zu dieser Arbeit  der 54jährige Witwer Hinrich/Heinrich Osbahr der Pächter
              „unfähig“.                                            war. Erbe der Pachtung könnte dessen damals 21jähriger
              Mit der Verurteilung war dem Zeitpachtvertrag für die Hufe  Sohn Jürgen Hinrich Osbahr gewesen sein. Über einen Anruf
              die Grundlage entzogen und das Pachtverhältnis wurde auf-  unter 04522-3064 würde ich mich sehr freuen.
              gehoben. Die älteren Kinder werden sich als Tagelöhner,
              Knechte, Dienstmägde oder Meiereimädchen verdingt ha-                                    Karsten Dölger
              ben. Die Ehefrau Elisabeth Brocks konnte mit den kleineren
              Kindern noch ein Jahr im Hufengebäude wohnen bleiben.
              Für den Unterhalt kam die Gutskasse auf. Erhalten sind die
              Quittungen für die Lieferung von Nahrungsmitteln wie Rog-
              gen und Buchweizen an die „Frau des Arrestanten Claus
              Brocks“, gesorgt wurde aber auch für Hilfsmittel zum Fli-
              cken von Kleidung oder für die Reparatur der Schuhe. Es war
              nicht etwa die Menschenfreundlichkeit des Gutsherren, die
              diese Hilfe ermöglichte, sondern der Paragraph 8  der könig-
              lichen „Verordnung wegen Aufhebung der Leibeigenschaft“
              von 1804. Dort ist festgehalten, dass, wer seine Pachtstelle
              verliert, auf Lebenszeit Wohnrecht im Gut erhält. Mit diesem
              Wohn- bzw. Heimatrecht war dann auch die Armenversor-
              gung verknüpft. Gut zu erkennen ist also, dass das Netz der
              sozialen Absicherung, wie es in der Zeit der Leibeigenschaft
              existiert hatte, durch diese königliche Maßgabe in die neue
              Zeit hinein verlängert worden ist, um soziale Härten der
                Reform wenigstens ein wenig abzufedern.
              Dass die Entwicklung für die Familie Brocks dennoch eine
                                                                    Das Gebäude des Zuchthauses Neumünster wurde 1822 an die
              Tragödie gewesen sein muss, lässt sich anhand der Quittun-
                                                                    Brüder Renck veräußert. Sie richteten darin eine Fabrik ein. Mit
              gen der Armenkasse erahnen. Nachdem die Hufe zum Mai-  Dank an den Wacholtz-Verlag in Neumünster für die Genehmigung
              tag 1809 neu vergeben worden war, kam Elisabeth Brocks  zum Abdruck.
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