Quarnbek 48

16 N atur und U mwelt inzwischen glücklicherweise verbotenen Neonicotinoide – Insektizide, welche seit den 1990er Jahren im Einsatz sind. Das Mittel wurde als Beize für Saatkörner verwendet und zusätzlich direkt auf die Kulturen (insbesondere Mais und Getreide) gesprüht. In Baden-Württemberg wurden im Jahr 2008 nachweislich mindestens 11.000 Bienenvölker durch den Beizstaub von Neonicotinoiden getötet. Durch den Wind werden Sprüh- und Beizpartikel bis zu zwei Kilometer von den Feldern verdriftet und lagern sich dort gleichfalls in Wildpflanzen ein. Es ist ein Nervengift, welches die Insekten durch das Fressen von Pflanzenteilen oder der Aufnahme von Nektar, Pollen oder Wassertropfen aufnehmen. In größeren Mengen tötet es das Tier, in kleineren Konzentratio- nen führt es zu Orientierungslosigkeit: Bienen und Hummeln finden nicht mehr zu ihrem Stock zurück und ver- hungern. Doch auch andere Pestizide, wie etwa das umstrittene Glyphosat, schaden den Insekten in extremem Maße. Gly- phosat ist ein Totalherbizid, welches alle Wildkräuter und Blumen vollstän- dig abtötet – und damit die Nahrung und den Lebensraum der Insekten. Wo Glyphosat eingesetzt wird, bleibt kaum noch Leben übrig. Auch andere Pestizi- de, Dünger und Gülle schaden unserer Artenvielfalt. Auf einer überdüngten Grünlandfläche leben nur noch sehr wenige Pflanzenarten, denn von der Düngung profitieren nur einige wenige domi- nante Kulturgräser wie das Weidelgras. Kräuter und Blu- men werden durch diese verdrängt, oder es wird sogar noch chemisch nachgeholfen: achten Sie einmal darauf, wie oft selbst typische Frühlingsblumen wie Löwenzahn und Wie- senschaumkraut sich plötzlich künstlich braun verfärben und absterben. Diese einstigen Allerweltsarten sind aber ein wichtige Nahrungsgrundlage für unsere Bienen, Hummeln und Schmetterlinge! Zusätzlich beeinflussen auch noch weitere Faktoren den Insektenschwund, etwa die Zunahme von Monokulturen (Mais, Raps, Weizen), der Rückgang des Anbaus von Som- mergetreide oder der Verlust von Kleinstbiotopen, Acker- brachen, Hecken usw. Vielen Menschen fällt auf, dass die Zahl der Insekten mehr und mehr abnimmt. Manch einem gibt die fast komplett saubere Windschutzscheibe nach einer Autofahrt an einem warmen Sommerabend zu denken. Oder wir erinnern uns an längst vergangene Kindheitstage mit Sommerspaziergängen über Wiesen voller Schmetterlinge, Heuschrecken und Bie- nen. Nicht nur die Zahl der Insektenarten geht im Moment drastisch zurück, sondern auch die Gesamtmenge aller In- sekten. Woran liegt das – und was können wir verändern? Naturschutzverbände und Imker schla- gen seit einiger Zeit Alarm: in einer kürzlich erschienenen Langzeitun- tersuchung aus Nordrhein-Westfalen wurde beobachtet, dass die Biomasse der Insekten in den letzten 15 Jahren um mehr als 80 % zurückgegangen ist. Auch weitere Studien aus anderen europäischen Ländern bestätigen die- sen Trend. Besonders betroffen von dem Rückgang sind Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen. So klein viele Insekten auch sind – sie stellen die Lebensgrundlage für viele andere Tierarten dar, in erster Linie Vögel und Fledermäuse – und sind selbst für uns Menschen die Voraussetzung unserer Existenz. Weil der größte Teil unserer Kulturpflanzen auf eine Bestäubung durch Insekten angewiesen ist, stehen auch wir in einer gewissen Abhängigkeit vom Wohl der Bie- nen, Wildbienen und Hummeln. In dem gleichen Zeitraum des auffälligen Insektenschwun- des sind auch viele Vogelbestände erheblich zusammenge- brochen – vor allem jene Arten, die sich oder ihre Jungvögel vorwiegend mit Insekten ernähren. Dies betrifft besonders Schwalben und Mauersegler, Braunkehlchen und Feldler- chen, aber auch Rebhühner und Kiebitze – bei einigen Arten wurden innerhalb der letzten 20 Jahre gleichfalls Rückgänge von bis zu 80 % beobachtet. Wie kann man dieses mysteriöse Insektensterben erklä- ren? Als Hauptursache wird der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft angesehen. Besonders schädlich sind die Wo sind all die Schmetterlinge hin? Das mysteriöse Insektensterben in Deutschland

RkJQdWJsaXNoZXIy NTg5MDc=