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CHRONIK 9
Lageskizze: Eiderkanal erhalten geblieben. Dieser Hügel hat folglich vor dem Bau
(Schleswig-Holstei- des Nord-Ostsee-Kanals zum Landesteil Schleswig gehört.
nischer-Kanal) und Zur Bereitstellung der Pferde hatte Tantau Verträge mit Ra-
Nord-Ostsee-Kanal bei
Landwehr. Zu erkennen jensdorfer Bauern geschlossen. Die Bauern stellten auch die
ist, dass die Straße „Am Knechte und werden nicht schlecht daran verdient haben.
Fährberg“ auf der Höhe Der Name des an dieser Havarie beteiligten Pferdeknechts
der Nummern 42 und wird im Unfallbericht zwar nicht genannt, aber zu einem
44 die Trasse des alten anderen Zwischenfall des Jahres 1842 werden zwei Pferde-
Kanals nutzt. (Dank an
Silke Dölger-Schwermer) knecht erwähnt: Claus Thode und Christian Fischer waren
nachgeborene Söhne von Rajensdorfer Bauern, die auf den
elterlichen Betrieben als Knechte dienten.
Dem Schiedsgericht der Kanalverwaltung gegenüber beklag-
Auch in die Betriebsabläufe am Schleswig-Holsteinischen- te Schiffer Lenger nach der Havarie ein Fehlverhalten des
Kanal gibt der Unfallbericht einen Einblick. Neben Holte- Pferdeknechts, wurde aber auf der Grundlage des Berichtes
nau, Kluvensieck und Rendsburg war Landwehr eine der des Brückenwärters Tantau von der Kanal-Aufsichts-Kom-
Pferdewechselstationen am Kanal. Sie lag direkt neben der mission dahin belehrt, dass er selbst die Regeln verletzt habe.
Brücke am nördlichen Kanalufer, heute mitten im Nord- Vor der Durchfahrt durch die Brücke hätte er zunächst vor
Ostsee-Kanal, allerdings wohl mindestens sieben Meter über der Brücke stoppen, festmachen und den Pferdewechsel ab-
dem heutigen Wasserspiegel. Das heutige Grundstück „Am warten müssen. Vielleicht waren noch weitere Formalitäten
Fährberg 42“ liegt im Bett des ehemaligen Kanals und die zu erledigen. Für den Schiffer hatte der Vorfall neben dem
Brücke schloss sich direkt westlich an das Grundstück an. Schaden am Schiff eine Strafe von vier Reichstalern zur Fol-
Betrieben wurde die Pferdewechselstation vom oben bereits ge. Das war keine Kleinigkeit. Über die genauen Schäden an
erwähnten Brückenwärter Jacob Tantau. Tantau war damals der Brücke und dem Schiff schweigt das Dokument zu dem
53 Jahre alt und stammte aus Uetersen, wo sein Vater Brau- Unfall leider. Sehr schwerwiegend scheint das Schiff aber
er, Brenner und Krüger war. In den Jahren 1828 bis 1835 nicht beschädigt worden zu sein, denn in den folgenden Jah-
waren ihm und seiner Frau Maria, geb. Harder, in Landwehr ren befuhr der Schiffer mit seiner 22 ½ Kommerzlasten tra-
vier Kinder geboren worden. Der zum Zeitpunkt der Havarie genden „Johannes“ mit dem Heimathafen Papenburg an der
6-jährige Jacob August wanderte später nach Australien aus. Ems regelmäßig den Kanal. Bei dem Schiff wird es sich um
Tantau verstarb im Jahre 1844. Die Bezeichnung „Brücken- eine „Eiderschnigge“ oder wahrscheinlicher um eine „Tjalk“,
wärter“ beschreibt die Tätigkeiten Tantaus nur unzureichend, wie die fast baugleichen Schiffe in Papenburg genannt wur-
denn er war einerseits „Beamter“ der staatlichen Kanalver- den, gehandelt haben. An der Rendsburger Zollstätte wurde
waltung mit hoheitlichen Aufgaben, gleichzeitig aber auch Schiffer Lenger am 15. Juli 1837 auf der Passage von Stettin
Unternehmer mit einem spezialisierten Fuhrgeschäft. Der nach Rouen in Frankreich, am 9. September desselben Jahres
damals gebräuchliche Begriff war „Pferdebeförderungs- mit Gipssteinen auf dem Weg von Rouen nach Rostock, am
entrepreneur“. 30. April 1838 mit Dachpfannen von der Ems in die Ostsee,
Für die Schiffe, die den Kanal passierten, stellte er die Pferde am 20. Mai desselben Jahres mit Rapssaat von Wismar nach
und die Pferdeknechte bereit. Je nach Größe des Schiffes wa- Antwerpen und schließlich am 3. August 1838 mit Roggen
ren zwischen einem und sechs Pferde erforderlich, manche von Stettin nach Rotterdam registriert.
Schiffer ließen ihre Schiffe auch von der Mannschaft ziehen Für die Expertise zur Küstenschifffahrt des 19. Jahrhun-
bzw. „treideln“, wie dieser Vorgang damals bezeichnet wur- derts bedanke ich mich bei Dr. Reinhard Gast, Mittelan-
de. Der „Treidelpfad“ für die Pferdegespanne befand sich am geln.
nördlichen Kanalufer. In Landwehr ist an dem kleinen Hügel Karsten Dölger
direkt östlich der Fähre ein kleines Stück Originaltreidelpfad
Der abgeschlagene Hals
einer Weinfl asche etwa
aus dem Jahre 1850: Als
1990 der Radweg entlang
des Fährbergs gebaut
wurde, wurde auch die
südliche Böschung und
das Bett des Schleswig-
Holsteinischen Kanals im
Bereich der Brücke Land-
wehr angeschnitten. Der
Verfasser hat in abend-
lichen Spaziergängen
den angefallenen Abraum
gesichtet und diesen Flaschenhals entdeckt. Durchaus denkbar
ist, dass bei einem Unfall an der nahen Brücke eine Weinfl asche
Ein kleiner Abschnitt des 1784 in Betrieb genommenen Treidel- zu Bruch gegangen und ins Wasser gefallen ist. (Für die Expertise
pfades hat sich direkt östlich der heutigen Fähre Landwehr im danke ich dem ehemaligen Direktor des „Plöner Kreismuseums
Originalzustand erhalten und sollte unter Denkmalschutz gestellt mit norddeutscher Glassammlung“ Herrn Dr. Hans-Joachim
werden. (Foto des Verfassers um 1990) Kruse.)

