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CHRONIK 7
1943 wurde dann um die wasserpolizeiliche Genehmigung änderten politischen Lage angepasst. Nun war nicht mehr
der Anlage gebeten. Die Entwässerung des Kühlwassers und die „Volksernährung“ gefährdet, sondern die „angespannte
des bei der Reinigung der Betriebsräume und Apparate der Ernährungslage“ erfordere „schnellstens eine einwandfreie
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Ölrückgewinnung anfallenden Wassers – bis zu 25 m pro Klärung“ der Abwässer. Im Juni 1946 beschwerte sich auch
Stunde – werde durch einen „Ölabscheider mit Filter“ ge- der Vorsitzende der Sportfischervereinigung Flemhuder See,
leitet. Die erbetene Unbedenklichkeitserklärung erteilte das Peter Lohmann, über die Verschmutzung. Der Sehestedter
Wasserstraßenamt dennoch nicht. Es würden weiterhin in er- Kanalmeister Koopsingraven bestätigte: Es habe tatsächlich
heblichem Maße Öle und Phenole in den See eingeleitet, so eine Einleitung einer großen Menge von Schmutz öl gege-
die Argumentation des Wasserstraßenamtes in Holtenau. Das ben, die zu einer dicken Ölschicht auf dem Flemhuder See
Hygienische Institut der Universität Kiel habe Wasserproben geführt habe. Ursache sei ein Unfall beim Betrieb der Ölrei-
genommen und eine „erhebliche Schädigung der Fischerei“ nigungsanlage gewesen, der Schieber einer Druckleitung sei
festgestellt. Die toten, an der Oberfläche treibenden Fische gerissen. Gegen Ende des Jahres 1946 stellten die Briten den
würden das beweisen. Betrieb der Anlage endgültig ein.
So eindringlich die Mahnungen mit Hinweis auf die Gefähr-
dung der „Volksernährung“ aus Holtenau auch waren, gegen
die Ölverschmutzung vorzugehen, mehr als hinhaltende Be-
teuerungen von Seiten der Kriegsmarinewerft erreichte man
nicht, und die Möglichkeit, per einstweiliger Verfügung die
Ölreinigungsanlage stillzulegen, gab es damals nicht. Die
Rohstoffknappheit, besonders im Bereich der Brennstoffe
war dramatisch und wurde als kriegsentscheidend angese-
hen. Offenbar verfing auch das Argument des Wasserstra-
ßenamtes, die „Unbrauchbarmachung von Hunderten von
Zentnern Fischen“ sei eine „kriegswichtige Sache“, nicht.
Im Gegenteil: Im November 1944 ging in Holtenau ein
Schrei ben der Bauleitung Flemhuder See mit dem Hinweis
ein, aufgrund eines Erlasses des Reichsministers für Rüstung Abb. 3: Anfang der siebziger Jahre war die Baustoff-Löschbrücke
und Kriegsproduktion seien die Arbeiten zur Einrichtung verfallen. (Foto Wolfgang Buchholz)
einer Abwasserreinigung eingestellt worden. Die „Kriegs-
wichtigkeit“ dieser Baumaßnahme sei vom Oberkommando Der Konflikt um die Ölverschmutzung des Flemhuder Sees
der Marine nicht anerkannt worden. Das Wasserstraßenamt durch Abwässer der Ölreinigungsanlage zeigt, dass die Ver-
ließ nicht locker: „Ich muß darauf bestehen, daß keine unge- schmutzung unter Kriegsbedingungen keineswegs wider-
reinigten Abwässer aus der Ölrückgewinnungsanlage in den spruchslos hingenommen wurde. Allerdings wurde damals
Kaiser-Wilhelm-Kanal eingeleitet werden.“ Eine Wirkung nicht mit heute diskutierten Umweltstandards argumentiert,
erzielte die Aufforderung nicht. sondern mit der kriegswichtigen „Volksernährung“. Der
Brennstoffversorgung der Kriegsmarine wurde dabei ein
Bei Kriegsende im Mai 1945 wurde die Ölreinigungsanlage Vorrang eingeräumt. Die Form des Konflikts ist weiterhin
stillgelegt, aber am 1. August 1945 war sie bereits wieder als ein Beispiel dafür zu werten, wie in einem vordergründig
in Betrieb, und seit November 1945 fand auch der Konfl ikt rechtsstaatlich anmutenden Verwaltungsvorgang verschleiert
eine Fortsetzung, nur die Formulierungen wurden der ver- wird, dass die Entscheidungen den Vorgaben einer aggressi-
ven kriegführenden Diktatur folgten.
Karsten Dölger
NOTDIENST
TEL. 0431/13363 www.gwt-kiel.de
Abb. 2: Aufnahme des Flemhuder Sees von Norden um 1960.
Links, am Westufer des Flemhuder Sees ist vorne die Ölwärmehal-
le zu erkennen, weiter hinten die Baustoff-Löschbrücke, die in den Eichendorffstr. 64 · 24116 Kiel · Fax 14 15 0
See hinein ragt. Das Gelände der sich westlich anschließenden Öl- Privat: Stefan Buhmann · Am Landkrug 4
reinigungsanlage ist verbuscht. (Aufnahme unbekannter Herkunft 24107 Quarnbek/Stampe · Telefon 0 4340 / 90 84
im Archiv des Verfassers)

