Quarnbek 47

Kaum etwas kann den Beginn des Frühjahres wohl stim- mungsvoller einleiten als die Rückkehr unserer Kraniche. An sonnigen Tagen sieht man manches Mal kleine Trupps in Keilformation laut rufend nach Nordosten ziehen. Wer besonderes Glück hat, kann in den frühen Morgenstunden den Balztanz eines Kranichpaares erleben. ImMärz beziehen die Kraniche ihre Brutplätze in Mooren oder Feuchtgebieten, teilweise genügt sogar ein kleiner Bruchwald inmitten von Ackerflächen. Wenn sie im Brutrevier angekommen, tanzen die Kraniche mit ihren lauten, trompetenartigen Rufen um- einander, springen gemeinsam hoch, verrenken sich respekt- voll voreinander. Dieses Schauspiel beeindruckt mich immer wieder tief. Auf hunderte von Metern sind sie zu hören und vermitteln ein starkes Gefühl der Vorfreude auf das kom- mende Erwachen der Natur. Kraniche brüten mittlerweile in weiten Landesteilen Schles- wig-Holsteins und der Brutbestand umfasst aktuell etwa 450 Brutpaare. Noch in den 70er und 80er Jahren stand der Kranich allerdings kurz vor dem Aussterben. Als Fol- ge von Moorabbau und der landesweiten Trockenlegung von Feuchtgebieten, lebten damals nur noch neun Paare in unserem Bundesland. Glücklicherweise wurde damals ein „Artenhilfsprogramm Kranich“ von Land und Naturschutz- verbänden, ganz besonders dem WWF, ins Leben gerufen, und es wurde viel Geld in die Wiederherstellung von Feucht- gebieten und Mooren investiert. Zusätzlich mussten viele Brutpaare bewacht werden, weil die seltenen Vögel inzwi- schen extrem menschenscheu waren. Der rechtzeitige und konsequente Schutz hat es ermöglicht, dass diese wunder- baren Vögel wieder ein Teil unserer Natur werden durften. Regelmäßige und stabile Brutvorkommen gibt es z.B. in dem wiedervernässten Wilden Moor bei Rendsburg oder dem Do- senmoor bei Neumünster, einzelne Paare auch verstreut an feuchten Waldrändern oder ungestörten Feldsöllen. Kraniche sind allerdings an ihrem Brutplatz extrem störungs- empfindlich. Sie gewöhnen sich zwar relativ schnell an land- wirtschaftliche Maschinen, Spaziergänger abseits der Wege können hingegen leicht zu Brutaufgaben führen. Als boden- brütende Vogelart sind ihre Eier und Jungvögel zusätzlich durch Füchse, Wildschweine und andere Prädatoren gefähr- det. Die Vögel bauen deswegen bevorzugt Nester auf klei- nen, unzugänglichen Inseln und können darüber hinaus auch sehr wehrhaft mit ihren kräftigen Schnäbeln Feinde abweh- ren. Bei ihrer Nahrungswahl sind die imposanten Schreitvögel sehr vielseitig, sie fressen Mäuse, Frösche, Kröten und In- sekten, aber auch Samen und Körner der verschiedensten Kultur- und Wildpflanzen. Zur Aufzucht der Jungvögel sind sie allerdings besonders auf artenreiches Grünland mit viel tierischer Kost angewiesen. Dort, wo Mais und Raps die Landschaft dominieren, verhungert leider vielfach der Nach- wuchs. Kraniche gehen sehr fürsorglich mit ihren ein bis zwei Jung- tieren um. Als Nestflüchter verlassen sie schon kurze Zeit nach dem Schlupf das Nest, und im Familienverband führen sie ihre Eltern umsichtig im Brutrevier umher. Sie erlernen in den ersten Wochen von ihren Eltern, Nahrung zu finden und vor welchen Gefahren sie sich schützen müssen. Im Spätsommer verlassen sie dann gemeinsam ihren Brutplatz, doch im Gegensatz zu früher ziehen viele nicht mehr bis nach Spanien oder Nordafrika. Die milden Winter der jün- geren Vergangenheit und die gute Verfügbarkeit von Win- terfutter (z.B. liegen gebliebener Mais) haben viele Kraniche veranlasst, bei uns zu überwintern. Im Dosenmoor und dem Wilden Moor sowie den großen Grünlandniederungen trifft man im Winter häufiger auf Ansammlungen von etwa 100 Kranichen. Immer wieder, besonders an milden Wintertagen, besuchen sie kurzzeitig ihren heimischen Brutplatz. Diesen behaupten sie oft ihr ganzes Leben lang, häufig in trauter Zweisamkeit mit immer demselben Partner. Durch den Be- standsanstieg werden die guten Brutreviere langsam rar und müssen gegenüber jüngeren Vögeln verteidigt werden. Der Aufwind der Kraniche ist ein großer Erfolg des Natur- schutzes. Jeder einzelne Kranich steht für einen Erfolg, der uns auch Hoffnung macht: wir können unsere wundervolle Natur und Tierwelt bewahren und schützen, wenn wir uns gemeinsam dafür stark machen. Text und Fotos: Dipl.Biol. Natascha Gaedecke Kraniche – die Vögel des Glücks im Aufwind

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