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12 CHRONIK
„Faulfieber“ beim Bau des Eiderkanals tern wurden eher selten eingesetzt. Soweit das Wetter es er-
möglichte, wurden etwa 35 Wochen im Jahr, sechs Tage in
Am 19. April 1781 verstarb Clas Jungclas. Pastor Nicolaus der Woche und 12 Stunden täglich mit zwei Stunden Pause
Ernst Möller notierte über ihn im Sterberegister der Kirchen- gearbeitet. Einige Arbeiter fanden in den umliegenden Dör-
gemeinde Flemhude: „ein Arbeiter am Canal aus dem Han- fern Unterkunft, die meisten kamen aber in Wohnlagern aus
növerschen, ungefähr 30 Jahr alt, weiter wusste man von Zelten und Holzhütten mit Feuerstellen, die entlang der Tras-
dem selben nichts zu sagen“, eine sicher auch für den Pastor se errichtet worden waren, unter. Zur Versorgung der Arbei-
selbst ganz unbefriedigende Eintragung. Zum einen war er in ter mit Waren, Nahrungsmitteln und Mahlzeiten hatten die
dieser Zeit vor der Einrichtung von Standesämtern gehalten, Bauunternehmer Verträge mit Marketendern und Zulieferern
möglichst genaue Aufzeichnungen zu machen und zum an- geschlossen. Vielleicht trifft der Vergleich mit den Goldgrä-
deren wird es ihn traurig und ratlos gemacht haben, dass bersiedlungen des „Wilden Westens“ am ehesten die Atmo-
selbst die anderen Arbeiter, die mit dem Verstorbenen zu- sphäre, die sich in diesen Siedlungen entwickelte. Tanzver-
sammen gearbeitet hatten, kaum mehr als seinen Namen und gnügen, Glücksspiel und Prostitution führten jedenfalls im-
seine Herkunft kannten. Weitere Eintragungen im Sterbe - mer wieder zu Konflikten zwischen den Bauunternehmern
register lassen überdies erkennen, dass es sich bei Clas Jung- und den von ihnen konzessionierten Marketendern. Große
clas um keinen Einzelfall handelte. Zwar wird es nicht gelin- Anziehungskraft hatten diese Lager auch für Bewohner der
gen, seine Geschichte genauer zu beschreiben als Pastor umliegenden Dörfer.
Möller es vermocht hätte, aber was der Pastor bei einem Spa-
ziergang nach Landwehr in diesen Jahren gesehen und gehört Die Durchsicht der Eintragungen Pastor Möllers im Flemhu-
hätte, soll hier erzählt werden. der Sterberegister lässt darauf schließen, dass auch in Land-
wehr ein derartiges Lager bestanden hat. Ein Hinweis auf die
Mit dem Hinweis „Arbeit am Canal“ ist der Bau des Schles- genaue Lage findet sich nicht. Zwischen 1780 und 1785 las-
wig-Holsteinischen Kanals, für den sich später die Bezeich- sen sich 19 Todesfälle mit dem Kanalbau in Landwehr in
nung „Eiderkanal“ durchgesetzt hat, gemeint. Der unterste einen Zusammenhang bringen. Bei durchschnittlich 30 To-
Teil der Straße „Am Fährberg“, kurz vor der Fähre in Land- desfällen pro Jahr im gesamten Kirchspiel Flemhude lässt
wehr verläuft heute in der Trasse des alten Kanals, und das sich erahnen, dass hier eine Siedlung von der Größe eines
Wohnhaus „Am Fährberg 42“ steht im ehemaligen Kanalbett. Dorfes existiert haben muss – zumal ja nur jüngere arbeits-
Das Bett dieses Vorgängerbaus des Nord-Ostsee-Kanals wur- fähige Menschen die Baustelle aufgesucht haben werden.
de zwischen 1777 und 1784 ausgegraben. Er galt damals als
größter Kanal Europas. 1777 begannen die Arbeiten an den Die Angaben zur Herkunft verraten, dass die Großbaustelle
beiden Enden, der Untereider bei Rendsburg und bei Holten - von weit her Arbeiter angezogen hat. Die Schwerpunkte
au. 1781 war der Aushub soweit fortgeschritten, dass der Be- lagen in Südwestholstein mit Barmstedt, Schenefeld, Kel-
reich zwischen dem Flemhuder See und der Königsförder linghusen und Seestermühe, im „Hannöverschen“, in Meck-
Schleuse erreicht wurde. Im Abschnitt zwischen Holtenau lenburg und Pommern. Wie wenig man über diese Menschen
und dem Flemhuder See wurden nun Schleusen und Brücken wusste und wie fremd sie sich ihrerseits fühlen mussten,
errichtet. 1783 waren bis zu 2600 Arbeiter an den verschie- zeigt die genannte Eintragung zu Clas Jungclas .
denen Baustellen beschäftigt. Es war damals also ein gewal-
tiges Bauvorhaben. Für die größeren Lager in der Nähe der Schleusenbaustellen
wie bei Kluvensiek ist überliefert, dass die Arbeiter häufig
Als Arbeiter wurden von den Unternehmern, die die einzel- auch ihre Familien mitgebracht hatten. Entsprechendes lässt
nen Abschnitte übernommen hatten, Fach- und Hilfskräfte sich auch aus dem „Todtenregister“ des Kirchspiels Flem-
angeworben. Vielfach handelte es sich dabei um wandernde hude ablesen. Fünf Kinder werden hier genannt, die bei ihren
Dienstboten und Tagelöhner, z. T. waren auch Soldaten ab- Familien lebten und in Landwehr starben. Und wie in den
kommandiert worden, Leibeigene aus den umliegenden Gü- größeren Lagern gab es auch hier Handwerker und Marke-
Das Grundstück Am Fährberg 42 (rechts) befindet sich auf dem Die Varendorfsche Karte von 1789/1796 zeigt den Verlauf des
Gelände des Betts des alten Eiderkanals. In diesem Bereich befand Schleswig-Holsteinischen Kanals zwischen dem Flemhuder See
sich auch die Brücke über den Kanal. und Rajensdorf

